Stell dir vor, nach dem Tode verlässt die Seele deinen Körper. Aber bevor sie in die Urmasse über geht und sich zu all den anderen dort befindlichen Seelen gesellt, schwebt sie eine Zeit lang ziellos umher. Innerhalb dieser paar Sekunden entscheidet sie sich, das irdische Leben hinter sich zu lassen und in die Seelenmasse überzugehen oder an dem Jetzt und Hier festzuhalten.
Eine starke Seele gelangt so in eine Art "Zwischenwelt". Als ich in diese Übergangswelt gelangte, waren hier nur wenige verirrte Geister. Sie wussten nicht, wo sie waren, was passiert war und als ich mit einigen von ihnen Kontakt aufnehmen wollte, war es so, als würde sie mich nicht wahrnehmen. Sie waren von eine Art grauer Schleier umgeben und beschäftigten sich nur mit sich selbst. Manche waren auf der Suche nach etwas. Doch in dieser Welt gab es nichts. Es war trostlos und die Seelen, die einst stark gewesen sein mussten, sonst wären sie nicht hier gelandet, taten mir leid. Nach einigen Tagen, oder Monaten (So genau kann ich das nicht sagen, es gab keinen Sonnenauf- oder Untergang woran ich das hätte fest machen können) bemerkte ich plötzlich, dass ich durch den Übergang in diese Welt eine Gabe erhalten hatte. Und ich schien nicht der einzige zu sein.
Als ich starb, wusste ich sofort, was passiert war und dennoch war ich nicht bereit dafür gewesen. Im Februar bei meinem täglichem Nachtspaziergang, den ich stets nach 10 Uhr am Abend machte, lauerte mir ein Taschendieb auf. Er hatte wohl erkannt, dass eine gewisse Regelmäßigkeit in meinen Spaziergängen lag. Nachdem er hinter einer Hecke am Gehweg hervorsprang und sich mit großen Schritten auf mich zu bewegte, zückte er einen Dolch und bedrohte mich: "Gib mir alles, was du bei dir in den Taschen trägst, alter Mann!" Natürlich hatte ich nur wenig Dinge bei mir, die von großem Wert waren. Meine Taschenuhr und die Geldbörse mit einigen Hundert Mark waren alles. Als ich ihm diese Dinge gab und er sie entgegennahm, hörten wir ein Geräusch hinter uns und der Dieb sah sich schreckhaft um. Als er einen Schatten erkennen konnte, nahm er mich in einen Schwitzkasten und hielt mir seinen Dolch an die Kehle. Sofort wurde ich mir des Ernstes der Lage bewusst, denn der Dolch hatte mich sofort geschnitten, war also geschärft worden und nicht stumpf wie ihn die meisten Taschendiebe bei sich trugen. "Geht weiter!", rief mein Peiniger mit zitternder Stimme, doch der Schatten bewegte sich unbeeindruckt weiter auf uns zu. Dann spürte ich, wie der Dolch immer tiefer in die Haut an meinem Hals eindrang - mein Blut rann langsam und warm hinunter. Doch ich blieb ruhig. Was sollte ich schon tun? Als der Fremde noch immer nicht stehen blieb, wurde ich immer weiter nach hinten gezerrt. Da ich unvorbereitet darauf war, stolperte ich quasi rückwärts und dabei schnitt mich der Räuber. Die Klinge seines Dolches durchschnitt mir von links nach rechts den Hals. Es brannte, als die Klinge so schnell durch meine Haut glitt und noch schlimmer, als der frische Abendwind hineinzog. Ich konnte nichts tun. Es war, als würde ich unter Schock stehen, doch ich nahm alles wahr. Das Blut rann nun in kleinen Bächen über meinen Hemdkragen und in ihn hinein. Soviel Blut in nur so kurzer Zeit, ich wusste gar nicht, dass so etwas möglich war. Es war so, als wenn man sich in den Finger schnitt, direkt in die Kuppe. Auch bei einer solchen Verletzung blutete man sofort, nur jetzt war es die 20fache Menge an Blut. Die rote Suppe troff auf den Gehweg, mir wurde plötzlich übel und ich wollte mich übergeben, nur schaffte ich das nicht mehr. Meine Atmung setzte schlagartig aus. Womöglich hielt ich auch den Atem an, so genau kann ich das nicht sagen. Der Dolch lag jetzt auf dem Boden, mir zu Füßen. Tatsächlich dachte ich für einen Augenblick darüber nach, ihn mir anzueignen und meinen Angreifer damit zu verletzen, doch da bemerkte ich, dass dieser bereits verschwunden war. Nur "Mister Schatten" stand noch da und schien sich an meinem Anblick zu ergötzen. Er tat nichts. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob da tatsächlich jemand stand oder ob es nicht Gevatter Tod war, der dort auf mich lauerte. Wie dem auch sei, ich brach zusammen, verlor das Bewusstsein und kämpfte noch eine gefühlte Ewigkeit mit meinen Gedanken zu dieser banalen Situation. Ich war dabei zu sterben. Wobei es nicht das erste Mal war, dass ich ausgeraubt wurde. Reich wie ich war, wurde ich oft Ziel Kleinkrimineller. Doch noch nie wurde ich verletzt oder gar so schwer wie in diesem Moment geschnitten. Keiner half mir und so verblutete ich und meine Seele verließ den sterbenden Körper.