Der Keller

12. August 1979

Im ersten Moment war es einfach nur dunkel. Felicia sah sich im Raum um. Sie war gerade erst aufgewacht und wusste zunächst gar nicht, wo sie sich befand. Dann fiel es ihr ein. „Papa." flüsterte sie in den leeren Raum hinein. Sie hatte auf einer Pritsche geschlaffen. Ihr Rücken tat weg. Sie rieb sich mit der Hand über den Kopf. Ein leichter Schmerzensschrei entglitt ihr, als sie die Wunde im Gesicht streifte. Sie besag ihre Finger. Kein Blut. Wieviel ZEit war wohl seit gestern Abend verstrichen? Sie wusste es nicht. Generell hatte sie in diese, Augenblich jeglichen Sinn für Zeit und Raum verloren. Sie sag sich in dem kleinen Raum um. Ihr Haar flatterte, als sie sich schnell im Kreis drehte. Wie oft sie wohl schon in diesem dunklen Loch eingesperrt worden war? Felicia konnte es schon gar nicht mehr zählen. Aber sie schwor sich, dass sie diesmal einen Ausweg finden würde. Vorstichtig tastete sie Richtung Fenster. Es war wie immer zugenagelt. Einmal hatte si es beinahe geschafft, aus dem Keller zu entfliehen. Doch dann kam ihr Vater und beseitigte alles Werkzeug, was sich dort befand.Er hatte das Brett mit noch mehr Nägeln an das Fenster genagelt und so war es Filicia unmöglich, es nur mit eigener Kraft, also ohne Hilfsmittel, aufzubrechen. Sie hörte draußen den Regen gegen das Fenster prasseln. Dann ein Auto, welches in die kleine Landstraße Richtung Stadt fuhr. Schreien hätte keine Zweck, das wusste sie. Schließlich hatte sie es schon oft versucht. Aber wenn ihr Vater sie in den Keller eingesperrt hatte, blieb er stets zu Hause und ging nicht, wie sonst, in die Spielhalle am Ende des Dorfes. Er konnte sie also hören und wenn sie es wieder versuchte, käme er zu ihr runter um ihr den Mund zuzuhalten und wenn sie dann immer noch nicht aufhörte sie zu wehren, klebte er ihr den Mund kurzerhand zu. „Freches Biest!", schrie er dann immer und sie schluchzte leise in sich hinein. Seitdem das neue Schuljahr angefangen hatte, wurde es noch schlimmer mit ihm. Er hatte Felicia neue Schulbücher kaufen müssen und so hatte er kein Geld mehr für seine geliebte Spielhalle. Sie wprde so wohl nie nuee Freunde finden, denn sie fehlte fast jede zweite Woche. Dabei hätte sie Freunde doch gerade jetzt so nötig gebraucht. Dann wüssten sie über alles bescheid und könnten sie aus dem Loch befreien. Felicia verdrängte den Gedanken, Sie war auf sich allein gestellt und der Traum davon, dass jemand sie retten würde, ging wahrscheinlich nie in Erfüllung. Vorsichtig suchte sie den Boden nach einem brachbarem Werkzeug ab. „Mist!", sie hatte in ein e Reißzwecke gefasst. Wütend schnippte sie diese fort. Als sie schließlich den gesamten Boden abegesucht hatte, setzte sie sich mit einem Seufzen auf die Pritsche. Wie immer hatte sie nichts finden können. Die Regale hatte ihr Vater schon vor einam halben Jahr entfernt. Darin hätte Felicia bsetimmt etwas Nützliches gefunden. Aber ihr Vater dachte einfach an alles. Er konnte sich keine Fehler erlauben. Delicia wusste, dass sie noch mindestens zwei Wochen im Keller bleiben musste. Namlich solange, bis die Wunde in ihrem Gesicht ganz verheilt war, sodass kein Mensch auf die Idee kommen konnte, dass ihr etwas zugestoßen war. Es rumpelte an der Tür und Felicia zuckte zusammen. „Felicia! Ich habe hier Essen für dich!", rief ihr Vater die Treppe hinunter. Sie hatte kaum Zeit aufzustehen, denn schon war er neben ihr. „Wie geht es dir, Süße?" „Es geht mir gut.", meinte Felicia trotzig zurück.Sie war wütend auf ihren Vater, weil er sie wieder eingesperrt hatte. Hatte sie nicht auch allen Grund, wütend deshalb zu sein? „Warum musstets du mich auch mit dem Schlüssel in der Hand abfangen?", fragte er nun, als er ihre Blessur begutachtete. „Du weißt, dass ich das nicht wollte. Der Schlüssel war einfach im Weg." Sie nickte und sah zu Boden. Jetzt hatte er ihr doch wieder ein schlechtes Gewissen eingeredet. Es wawr sinnlos, sich vorzunehmen, die Schuld wirklich nur bei ihm zu sehen. Klar, sie war sauer auf ihn, aber nun war sie auch sauer auf sich selbst. "So, und nun iss!", meinte der Vater mit gebieterischer Stimme, die keine Widerwort zuließ. Das kleine Mädchen nahm die Gabel und stach in eine der Blumenkohlrosen. Schnell schlang sie sie hinunter. Ihr Vater hatte in all den Jahren immer noch nicht begriffen, dass sie Blumenkohl hasste. Aber jetzt war der fasche Zeitpunkt, ihm das zu sagen. Er sah sie erwartungsvoll an. „Hm, köstlich.",log sie deshalb schnell. „Freut mich, wenn es dir schmeckt, meine Kleine. Ich habe mir viel Mühe für dich gegeben." Er setzte sich neben sie auf die Pritsche. „Du weißt, dass ich schon viel Geld für dich ausgegeben habe, das tue ich auch gern. Aber das geht ech zu weit. Du wirst zu Hause bleiben." Gleichgültig blickte sie zu ihm auf. Es tat ihr weh, das zu hören, aber eigentlich hatte sie schon damit gerechnet. „Das verstehst du doch.", fuhr ihr Vater fort, „oder? Ich habe das Geld einfach nicht, es ist bereits in wichtigere Dinge investiert. Nicht, dass du nicht wichtig wärst, du bist mir das wichtigste auf der Welt, meine Kleine. Aber es ist ja nur eine blöde Klassenfahrt. Die haben dir doch eh immer nicht gefallen." Natürlich hatten sie ihr nicht gefallen, weil er sie immer so isoliert hielt, dass sie keine Freunde fand. In dieser Klassen hatte sie aber bereits Hoffnun, ein paar Freunde zu finden.Wenn sie nun nicht mit auf die Klassenfahrt führe, was würden ihre Klassenkameraden dann denken. Höchstwahrscheinlich würden sie denken, dass Felicia arm wäre und somit auch nicht bei den neusten Accessoires mitreden könnte. Sei es nun bei Klamotten oder Parfum oder Filmen. Sie würde weiter Außenseiterin bleiben. „Hm... stimmt", bestätigte sie ihren Vater. Felicia musste das mit aller Kraft verhindern. Wenn sie nur einen Ausweg aus diesem Loch finden würde! Er tätschelte ihr über das Knie. Wollte er wieder ‚lieb' zu ihr sein? „Meine Süße", flüsterte er ihr ins Ohr, „du hast mir ganz schönen Ärger gemacht. Willst du das wieder gut machen?" Er sah sie lüstern an. Ihr lief ein Schauer über den Rücken. Nicht schon wieder! Er war jetzt schon über einen Monat nich ‚lieb' zu ihr gewesen. Felicia hatte gehofft, dass er damit aufhörte. Das letzte Mal hatte sie geblutet und gweint, weil er ihr so weh tat. Er hatte versprochen, ihr nie wieder solche Schmerzen zuzufügen. Aber das schien er nun vergessen zu haben. „Papa,...", wollte sie beginnen zu protestieren, doch er streichelte sie bereits über ihre noch heranwachsenden Brüste. Der Blumenkohl stand noch immer auf ihrem Schoß, doch das Essen schien nun nebensächlich. Er stöhnte und Felicias Magen verkrampfte sich. Es war zu spät, ihn zur Umkehr bewegen zu wollen. „Papa?" „Ja, meine Süße... Ich will, dass du wieder lieb zu mir bist, dann kaufe ich dir auch die Schuhe, die du so gern haben wolltest." Die Schuhe! Er dachte wirklich an alles. Ein Paar neue Schuhe hatte Felicia wirklich nötig. Ihre alten verloren bereits die Sohlen, doch sie hatte sich nicht getraut, ihn nach neuen zu fragen aus Angst vor den Konsequenzen. Anscheinend hatte er in ihrem Tagebuch gelesen, dass sie sich die neuen Turnschuhe aus dem aktuellen Katalog von Adidas wünschte. Sie ließ nun zu, dass er sie auf die Wange küsste. Sie schüttelte sich. Aber das bemerkte er nicht. Er dachte nur noch an das eine. Langsam öffnete er seine Hose, nahm ihre Hand und führte sie zu senem bereits steif gewordenen Geschlechtsteil und bewegte sie, wie er es immer tat. Vor Ekel schloss sie die Augen und riss sie kurz danach wieder auf, damit sie ihre Gedanken ablenken konnte. Flüchtig sah sie sich im Raum um. „Drück etwas fester zu.", befahl ihr Vater. Sie tat es und er stöhnte erneut. Felicia bemerkte den Teller, der nun neben ihr stand, auf dem noch immer blumekohl war. Kurz entschlossen griff sie mit ihrer rechten Hand danach. Der Teller zersprang klirrend an seinem Kopf. Er fiel, wahrscheinlich weil er so erschrocken war, zu Boden. Schnell schoss Felicia vom Bett hoch und nahm zwei Meter Abstand zu ihm. „Du kleine Schlampe!“, schrie ihr Vater nun vor Wut. Was hatte sie da wieder angestellt? Sie hatte gar nicht über ihr Handeln nachgedacht .Vorsichtig näherte sie sich ihm wieder. „Es tut mir Leid.“, sprach sie mit beschwichtigender Stimme. Er holte zu einem Schlag aus, doch sie konnte ihm ausweichen. ‚Jetzt zieh das durch, du bist nun schon so weit gekommen!‘, ermutigte sie sich selbt. Voller Wucht trat sie ihrem Vater an den Kopf. Der verlor das Gleichgewicht und seine Arme, auf die er sich gestützt hatte, knickten unter ihm ein. Sie rannte so schnell sie konnte in Richtung Treppe. Doch er stand schon hinter ihr und hielt sie am Arm fest. „Was fällt dir Schmarotzer ein?!“, schrie er und Speichel troff aus seinem wutverzerrten Mund. Langsam ging sie Schritt für Schritt wieder weiter in den Raum hinein und führte ihn damit Richtung Pritsche. Sie griff nach ihrer Gabel und stach ihn in seinen Oberschenkel. Er zuckte zusammen und ließ sie augenblicklich aus seinem Griff frei. Nun rannte sich noch schneller als zuvor gen Tür. Mist! Er hatte sie zugeschlossen. Wo bewahrte er den Schlüssel? ‚In seiner Hosentasche!‘, erinnerte sich Felicia, ’Du Dummerchen! Wie immer in der linken Hosentasche!’ Langsam näherte sie sich ihren Vater, der sich am Boden zusammengekauert hatte. Hatte sie in mehr, als nur seinen Oberschenkel gestochen? Er hielt sich den Schritt. Gut, er hatte anscheinend Schmerzen und würde sich so schnell davon nicht erholen. Felicia stieß ihn mit dem Fuß an. Er wehrte sich nicht, brummelte nur wütend vor sich her. Er tat ihr leid. So stark wollte sie ihn nicht verletzen. Ihr armer Papa. Sie musste ihm helfen. Auf einmal packte sie der pure Hass. Hass ihrem Vater gegenüber, der so stark war und sie immer wieder verletze, wo sie doch so schwach war. Der Hass ließ sie ihn so stark ins Gesicht schlagen und treten, bis seine Nase zu bluten begann. Die Verletzung mit der Gabel zuvor, musste schwerwiegend gewesen sein. Sein Schmerz im Glied schien stärker, als der seiner Nse, denn noch immer hielt er die Hand fest im Schritt vergraben. Nun war Felicia mutig genug, sich ihm auf gleicher Höhe zu nähern, in dem sie auf alle viere ging und ihm den Schlüssel aus der Tasche zu ziehen. Es war ein gutes Gefühlm einmal mächtiger als er zu sein. Sie stand noch neinige Sekunden reglos über ihm, um diese Macht zu genießen. Dann lief sie schnell zur Kellertpr, öffnete sie mit dem Schlüssel und trat hinaus. Als sie die Tür von außen wieder fest verschlossen hatte und die Holzkiste heran gestellt hatte, die ihr Vater immer zu Sicherheit davorschob, ging sie aus dem Haus und lief über die Straße zum Haus der Nachbarn, mit der Hoffnung auf Hilfe. Diese empfingen sie herzlich. Doch was Felicia nicht ahnte und auch kein anderer im Dorf - die Nachbarn hatten die gleichen Neigungen wie ihr Vater.


Eine Woche später wurde Felicia tot auf einem Feld nahe der Stadt gefunden. Der oder die Täter wurden nie gefasst. Felicias Vater ist wie vom Erdboden verschwunden und wurde bis heute nicht gefunden. Im Haus des toten Mädchens wurde ein Tagebuch sicher gestellt, welches die grausamen Taten des Vaters bis ins kleinste Detail schildern. Die Spuren im Keller lassen darauf schließen, dass Felicia erst vor kurzem dort geschlafen und gegessen hatte.

Es besteht der Verdacht, dass Felicias Vater sie an jenem Tag schwer misshandelte und sie dann, aus Angst vor der Strafe dafür, umbrachte. Dieser Verdacht bestätigte sich jedoch bis heute nicht, da die Tatwaffe, die für die Tötung des Mädchens verwendet wurde, nicht in deren Haus gefunden werden konnte. Die Ermittlungen wurden 1996 eingestellt. Bis heute ist dieser Fall ein Cold Case.