Der Nebel

Diese Traurigkeit, die einem am Boden hält.
Die Kraftlosigkeit, die einen nicht aufstehen lässt.
Die Wut, die einen keinen klaren Gedanken fassen lässt.
Die Hilflosigkeit, die einen fast erdrückt.

Nach ein paar Stunden ist es vorbei. Der Kopf wieder klar, die Gedanken wieder in einer halbwegs eingependelten Bahn. Das Zuvor ist nur noch ein Nebel, schwach und schon fast wieder nicht mehr ernst zu nehmen. Aber du weißt, er kommt wieder. Ganz fort ist er nie. Die Stimmung kann gut sein, doch der Nebel, wartet stets auf der Schulter. Fast wie ein Begleiter. Ist es das, was die Leute mit "Teufel auf der Schulter" meinen?

Du hast Glück. Er kommt dich nur selten wirklich Besuchen. Stets drückt er sich im Hintergrund umher. Doch wenn er dann einmal tatsächlich in seiner ganzen Präsenz vor dir steht, hast du keine Wahl. Du hast es schon oft versucht, dich zur Wehr zu setzen, ihm die Tür zu deinem Innern zu verschließen, aber der Nebel verschafft sich Zutritt. Lediglich einen kleinen Verzug seines Eintretens hast du dir verschafft. Gerade genug Zeit, sich den Raum, in dem du für die nächsten Stunden reglos liegen wirst, auszusuchen. Du bist nicht vor ihm gefeit. Das macht er dir mit jedem seiner unangekündigten Besuche klar.

Manchmal ahnst du ihn kommen. Er kündigt sich in gewisser Weise an, lässt dich schon geraume Zeit wie in Trance durch die Minuten, Stunden gleiten. Ziellos. Doch wenn er dich eingenommen hat, drückt er dich wie eine tonnenschwere Last in deinem Kopf unerbittlich nach unten. Du willst ihm nicht die Kontrolle überlassen, aber deine Kraft, gegen ihn anzukämpfen, lässt schließlich mehr und mehr nach und die Wut weicht der Resignation und der Stille. Kein Ton kommt mehr aus dir. Dein Blick haftet sich an irgendetwas in weiter Ferne. Er kommt über dich und nun ist es, als hättest du ihm alle Türen in deine Gedankenwelt geöffnet.

Verfolgt der Nebel einen Zweck? Du hast es noch nicht herausgefunden. Nachdem er fort ist, hast du ein lächerliches Glücksgefühl in dir, dass du ihn wieder einmal überlebt hast. Ertragen. Doch du hast ihn nicht für immer verjagt. Doch es gelingt dir, die Angst vor dem erneuten Erscheinen zu ignorieren und du verdrängst, bis es nicht mehr geht, die Gedanken an die letzte Erfahrung mit dem Nebel. Wenn er sich dann wieder in voller Gestalt zeigt, erinnerst du dich schlagartig.

Da ist keine Angst. Nur ein Wissen. Es gibt kein Entkommen, das steht fest und du musst es hinnehmen und die Zeit überstehen, so gut es eben geht. Beim Aufräumen überkommt er dich plötzlich? Kein Problem, einfach an Ort und Stelle niedersetzen, am besten legen. Es geht vorbei. Alles hat seine Zeit. Auch der Nebel hat eine Daseinsberechtigung. Er räumt dich auf, lässt dich wieder für einige Zeit aktiv am Leben teilhaben, damit du dich nicht ständig in deinem schwarzen Loch untergehen fühlen musst. Man könnte fast sagen, er ist ein alter Bekannter, ein Freund, der schonungslos ehrlich ist.